Coswiger Straße und Schlosskirche

Noch nicht einmal anderthalb Stunden brauchen Sie mit dem RE 3, um von Berlin nach Wittenberg zu gelangen. Ca. 45.000 Menschen leben hier. Ein Besuch der Stadt ist kurzweilig und lohnenswert.
Vom Bahnhof in die Stadt müssen Sie zunächst einen 15-minütigen Fußweg bewältigen. Aber dann geht es an der Collegienstraße mitten hinein in die historische Altstadt. Die historische Altstadt ist weitgehend autofrei und Sie können in Ruhe schlendern. Durch Teile der Stadt plätschert ein Kanalsystem (Röhrwassersystem), das aus dem 16. Jahrhundert stammt und die Bürger Wittenbergs mit Trinkwasser aus einem nahen Quellgebiet versorgte.

 

Collegienstraße

Stadtkirche und Markt

 

An vielen der alten Häuser hängen Emailleschilder mit Namen berühmter Menschen, die in der einstmals wichtigen Universitätsstadt verweilten. Martin Luther und Philipp Melanchthon waren zu ihrer Zeit die wichtigsten Personen in der Universität. Die Straße weist, wie auch die Innenstadt, einen erheblichen Leerstand der Geschäftsräume aus. Jedoch gibt es sehr viel Unternehmergeist und viele inhabergeführte kleine Läden, die die Leere oft mit viel Phantasie ausfüllen. Eines der ersten Häuser in der Straße ist das Melanchthonhaus. Direkt neben einem der ältesten Bürgerhäuser der Stadt ist ein futuristischer Neubau entstanden, um die Ausstellung im ehemaligen Wohnhaus des Reformators zu erweitern.

Auf einem Brachgelände an der Collegienstraße ist ein wilder Garten mit einer Skaterbahn entstanden, weil die anwohnenden Jugendlichen neben der Historie Platz für sich benötigen und zudem ihren Spaß haben wollen. Weiter die Straße hinauf gibt es einen kleinen Durchgang zur Stadtkirche, an der in luftiger Höhe ein extrem antisemitisches Steinrelief angebracht ist. Von unten kann man das Motiv kaum erkennen, deshalb steht unter dem Relief eine Informationsstele, die Aufschluss über das Motiv unter dem Kirchendach gibt. Dass das Relief weiter die Stadtkirche zieren darf, entschied nach vielen Diskussionen letztendlich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

Wasserleitungssystem

Skaterbahn

 

Um den Marktplatz mit dem Rathaus aus dem 16. Jahrhundert häuft sich das kulinarische Angebot, aber auch in den anderen Straßen im altstädtischen Zentrum ist das Angebot vielseitig. Mittwochs ist von 8 bis 16 Uhr ganzjährig Markttag. Auf der südlichen Marktseite wohnte und wirkte Lucas Cranach der Ältere, der in Wittenberg sogar Bürgermeister war. Er war en Freund Martin Luthers.
Über die Schlossstraße gelangen Sie zur Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen anhängte und damit einen der wichtigsten Reformprozesse in der klerikalen Welt in Gang setzte. Kirche und Museum sind gegen Entgelt zu besichtigen.

Dort wo sich die Schloss- und die Coswiger Straße treffen, lädt ein architektonisches Kleinod, ein geschwungener DDR-Pavillon mit einer Freifläche, in den Sommermonaten zu köstlichen Eisspezialitäten vor historischer Kulisse ein. Gegenüber finden Sie die Toristeninformation und eine öffentliche Toilette mit einer Benutzungsgebühr in Höhe von 70 Cent (Stand: Oktober 2026). Die Innenstadt bietet viel Aufenthaltsqualität, aber die Wallanlagen, die sich um die historische Altstadt herumziehen, sollten Sie auf jeden Fall in einen Stadtrundgang integrieren. Dort finden Sie den kleinen Wittenberger Tierpark, den Sie nach einem Besuch mit einer großzügigen Spende bedenken sollten, damit er nicht irgendwann dem Sparwahn anheim fällt. Der kleine Park mit verschiedenen Primaten und diversen Vogelarten hat sogar Platz für ein Aquarium, in dem Sie heimische Fische bewundern können. Im nahen ehemaligen Zeughaus finden Sie das Museum für Stadtgeschichte.

Tierpark und Aquarium

Schlosskirche und Schlossstraße

 

Einem der bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Antisemiten verdankt die Stadt Wittenberg ihren Namenszusatz Lutherstadt. Zunächst versuchte Martin Luther, der Begründer der evangelischen Religionslehre, die Juden von seiner Auffassung des Christentums zu überzeugen. Da diese aber seinen eifrigen Bekehrungsversuchen standhielten und seine neuen Ansichten über das Christentums für ihre Religion ablehnten, schlug Luthers ehemals liberale Meinung über die Juden in abgrundtiefen Hass um. Frei nach dem späteren Motto „und willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich Dir den Schädel ein“ schlug er den herrschenden Fürsten im Umgang mit den Juden drastische Maßnahmen vor. Er sprach davon, Juden zu versklaven und zu vertreiben. Nationalsozialisten bedienten sich gerne der lutherischen Worte und nahmen sie zur Grundlage für die Shoah.

Nichtsdestotrotz sind Luthers Leistungen, die Machtbefugnisse der katholischen Kirche zu brechen und weite Kreise der Bevölkerung davon zu überzeugen, Widerstand gegen deren Macht zu leisten, von überragender gesellschaftlicher Bedeutung. Der lutherischen Lehre folgte ein erbitterter Streit, da die katholische Kirche ihren Machtanspruch erhalten wollte. Es folgten mehrere Kriege mit Millionen von Toten. Luthers Thesen läuteten schließlich die Zeit der Aufklärung, die Freiheit des Denkens und schließlich das Zeitalter der Industrialisierung ein. Mit seinen 95 Thesen, legte er den Grundstein für unsere heutigen Lebensverhältnisse. Nach langem Kampf war die Macht des Klerus weitgehend zerschlagen.

 

Erinnerungstafel Lucas Cranach

Klippschliefer helfen mit die Population im Zoo zu vergrößern

 

Wer sich in der Stadt genauer umsehen möchte wird mit einem Besuch nicht auskommen. Aber die Zugfahrt ist kurz und das Deutschlandticket soll sich ja auch lohnen.